Die letzten Camper von Valdanos – halbplanlose Erkundungen in Montenegro

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Der Hirtenjunge kommt wie in Zeitlupe auf uns zu, Schritt für Schritt, unaufhaltsam, und man schaut in seine großen Augen und schaut ihn an und schaut weg und kann nicht wegschauen und weiß nicht so recht, was tun, und irgendwann schaut man auf seine Füße. Der rechte Schuh ist noch halbwegs vorhanden, der linke nicht, da behilft er sich mit irgendwelchen Lumpen um den Fuß gewickelt, mit Seil verschnürt. Er hütet die Schafe wie so viele hier und springt den ganzen Tag über die Almen, an denen wir heute immer mal verzweifelt sind. Wir sind bei ca. km 30 und haben in dem Glauben, gleich am Ziel zu sein, gerade festgestellt, dass wir völlig falsch sind. Und jetzt noch dieser Junge. Die Überlegung, hier irgendwo das Zelt aufzuschlagen, hat sich endgültig erledigt. Die Atmosphäre gefiel uns sowieso nicht, es ist eindeutig Weidezone, Arbeitszone, harte Arbeit. Und jetzt steht da noch dieser Junge, abgerissener als alle anderen zuvor. Dobre dan, und dann verstehen wir nicht mehr viel, wobei er gar nicht viel fragt, er wundert sich wohl über die Rucksäcke und was wir hier vorhaben. Die Kinder, wir treffen wenige, fragen unbeirrt, was oder wer wir eigentlich sind. Vermutlich. Wir verstehen sie ja leider nicht. Petr war auch so einer, glänzende Augen. Hello kann er schon, eifrig stürmte er voran und zeigte den idealen Zeltplatz, er weiß Bescheid. Flink und behände hüpfen sie über die Hänge, wo wir mit unseren riesigen Rucksäcken eher entlang keuchen.

Wir gehen also doch wieder rauf. Oben sind wir abgebogen, wären wir mal geradeaus weitergegangen. Die Gegend – ohne in der Mongolei gewesen zu sein kommen Mongoleigefühle auf. Passenderweise kommt auch noch einer angeritten, heute haben wir schon öfters die Spezialsättel auf diversen zähen Pferden bewundert.

Jeder Hirte hat seine eigene Methode, den Schafen den Weg zu weisen oder zu signalisieren, wo er ist. Sie singen, rufen, die Lieder hören sich fast unheimlich an zumindest, wenn ein ca. 10-Jähriger so eindringlich-fast klagende Strophen singt, sehr laut, durchdringend, und man versteht nicht, was besungen wird. Sie reden und rufen gegen die Stille an, hier ist nichts los. Wenn sie uns sehen, werden gerne Länder aufgezählt. Russija, Espanol, Serbia – wo kommt ihr her, Germania ist nie dabei. Man freut sich über Russen in den Bergen. An der Küste, Strand, je südlicher man kommt, desto mehr Deutsch wird gesprochen. Die stets unglaublich zuvorkommenden, sympathischen Kellner erinnern sich und holen ihre immer noch guten Deutschkenntnisse wieder raus. Damals, vor dem Krieg oder noch zwei Jahrzehnte davor, war alles voller deutscher Touristen. Die Schilder hängen noch da, Tui-Club. Wer kennt Ulcinj? Es müssen mal viele gewesen sein.

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Quelle: www.adriaforum.com